ÜBER ASTER NEWAY

Ich habe nie irgendwo ganz dazugehört.

Irgendwann habe ich aufgehört, das für einen Fehler zu halten.

Das ist die Kurzfassung meines Lebens. Die lange erzähle ich dir hier — nicht, weil sie besonders ist, sondern weil vielleicht etwas darin vorkommt, das du kennst.

Ein Mädchen in Ostafrika, das zur NASA wollte

Ich bin in Ostafrika aufgewachsen, als Einzelkind in einer Kultur, in der die Großfamilie alles ist: das Sicherheitsnetz, die Zugehörigkeit, die Selbstverständlichkeit. Ich hatte das nicht.

Vielleicht war das der Grund, warum ich mir einen Traum ausgesucht habe, der so weit weg lag wie nur irgend möglich. Ich wollte in San Francisco studieren und eines Tages für die NASA arbeiten.

Niemand um mich herum hätte mir das zugetraut. Ich wusste nur, dass ich es nicht lassen konnte.

Also habe ich den großen Traum in kleine Stücke zerlegt. Das erste hieß: gute Noten. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil ein Stipendium der einzige Weg war, überhaupt irgendwohin zu kommen.

Taschkent: zum ersten Mal die Einzige
Das Stipendium brachte mich nicht nach Kalifornien, sondern nach Usbekistan. Ich kam in Jeans und Lederjacke an und wurde gefragt, ob man bei uns nicht in Bananenblättern herumläuft. Ich war die erste afrikanische Studentin dort.

Ich sprach kein Russisch. Ich konnte das kyrillische Alphabet nicht einmal lesen. Und es gab niemanden, der mir erklärt hätte, wie das alles funktioniert.

In dieser Zeit habe ich die Frage gefunden, die bis heute mein wichtigstes Werkzeug ist. Nicht „Warum ich?“ — die führt ins Selbstmitleid. Sondern „Wie mache ich das?“ — die führt weiter.

Einige Monate später habe ich die Aufnahmeprüfung auf Russisch bestanden.

Berlin: die Einzige unter Männern

Nach Usbekistan kam Berlin, und mit Berlin die Informatik. Ich habe sie gewählt, weil das Internet für mich Freiheit bedeutete: eine Arbeit, die ich von überall machen kann, unabhängig davon, wie ich aussehe und woher ich komme.

Im Hörsaal war ich wieder die Einzige. In meinem Jahrgang saßen fast nur Männer.

Dort habe ich etwas gemacht, das mir bis heute gefällt. Statt die sechsstündige Klausur am Samstag mitzuschreiben, bin ich zum Professor gegangen und habe vorgeschlagen, meine Leistung in Fachvorträgen und mündlichen Prüfungen zu erbringen. Er hat zugestimmt.

Kurz darauf stand ich als Tutorin vor 66 männlichen Studenten, die mir erst einmal gar nichts zutrauten.

Ich erzähle das nicht, um zu zeigen, wie leicht mir das gefallen ist. Es ist mir nicht leichtgefallen. Ich hatte nur längst gelernt, dass mir Zugehörigkeit ohnehin niemand schenkt — also konnte ich es auch gleich auf meine Art versuchen.

Informatik   Tutorin vor 66 Studenten   3 Semester Wirtschaftspsychologie

Und dann war der Traum vorbei
Das amerikanische Visum wurde abgelehnt. Ich habe es noch einmal versucht. Und noch einmal. Es blieb dabei.

Damit war San Francisco vorbei und die NASA auch. Der Traum, für den ich als Kind angefangen hatte, gute Noten zu schreiben, der mich nach Taschkent gebracht hatte und nach Berlin, war zu Ende. Nicht, weil ich nicht gut genug gewesen wäre. Sondern weil jemand an einem Schalter Nein gesagt hat.

Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen.

Es gibt Türen, die gehen nicht auf, egal wie sehr du dich anstrengst.

Das ist kein Urteil über dich.

Drei Monate in einer Bibliothek

Ich sprach damals noch kein Deutsch. Also bin ich jeden Tag in die Amerikanische Bibliothek in Berlin gegangen und habe gelesen. Monatelang. Nicht, weil ich einen Plan gehabt hätte, sondern weil Lesen das Einzige war, was sich nicht nach Stillstand anfühlte.

Irgendwann in dieser Zeit ist etwas gekippt. Ich habe aufgehört, den abgelehnten Traum als mein Scheitern zu lesen, und angefangen, ihn als Abzweigung zu sehen.

Ein Plan B ist keine schlechtere Version von Plan A. Er ist das, was dich in Bewegung hält, wenn ein Weg zu ist. Aus meinem Plan B ist mein ganzes Berufsleben geworden.

Was daraus geworden ist
Die Informatik
Ein Problem so lange auseinandernehmen, bis es lösbar wird.
Die Psychologie
Verstehen, warum es bei Menschen anders läuft als bei Systemen.
Das eigene Leben
Wissen, wie sich beides anfühlt, wenn man mittendrin steckt.
Aus der Informatik wurde ein Beruf, der mich viele Jahre getragen hat. Dazu kamen drei Semester Psychologie, weil mich irgendwann mehr interessierte, warum Menschen Entscheidungen treffen, als wie Systeme funktionieren. Heute arbeite ich mit beidem — und mit allem, was ich dazwischen selbst erlebt habe.
Was ich über Mut gelernt habe
Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Angst ist für mich eine Information: Sie zeigt an, dass etwas noch ungelöst ist. Sie darf nur nicht bestimmen, wohin du gehst.
1
Ein Bild
Wohin du willst —
nicht vage, sondern in Farbe.
2
Eine Entscheidung
Erst die Entscheidung bringt die Kraft, nicht umgekehrt.
3
Anfangen
Der Plan wird unterwegs besser, nicht vorher.

Wenn du dich darin wiedererkennst

Ich arbeite mit Menschen, die überall funktionieren und nirgends ganz dazugehören. Die vor einer Entscheidung stehen, die ihnen niemand abnehmen kann. Und die den Verdacht haben, dass sie sich lange genug angepasst haben.

Ich verspreche dir nicht, dass es leicht wird. Ich verspreche dir nur: Du bist nicht die Einzige, der es so geht. Und ich kenne den Weg.

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